Die Innenverdichtung ist nicht tot

Anmerkungen zur Position der Grünen-Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum neuen Baugebiet Nägelesee-Nord.

Haben die Grü­nen in Gun­del­fin­gen ver­ges­sen haben, wofür sie einst ange­tre­ten sind?

Die Zustim­mung der Grü­nen Gemein­de­rats­frak­ti­on zur Aus­wei­sung des neu­en Bau­ge­bie­tes Näge­le­see-Nord wirft die Fra­ge auf, ob denn die Grü­nen in Gun­del­fin­gen ver­ges­sen haben, wofür sie einst ange­tre­ten sind: Ver­mei­dung neu­er Bau­ge­bie­te, die nur auf Kos­ten der Natur gehen, also ein Nein zum Flä­chen­fraß für Betongold.

Doch genau betrach­tet, greift die­ses Ein­an­der-gegen­über­stel­len ver­meint­li­cher Gegen­sät­ze viel zu kurz:

Seit den 1990er Jah­ren,  in den Zei­ten auf­kei­men­den Wider­stan­des der Gun­del­fin­ger Grü­nen gegen neue Bau­ge­bie­te im Rand- oder Außen­be­reich, war Innen­ver­dich­tung noch kein all­ge­mein gebräuch­li­cher Begriff: Im Innen­be­reich befind­li­che Frei­flä­chen wur­den noch gar nicht sys­te­ma­tisch erfasst, um sie einer Nut­zung zuzu­füh­ren. Man begann gera­de erst, in die­se Rich­tung zu den­ken. Ein Wach­sen in die Brei­te fan­den wir vor die­sem Hin­ter­grund ver­ständ­li­cher­wei­se als ganz unnö­ti­ge Natur­zer­stö­rung, war doch bereits erschlos­se­nes Bau­land da, das nur genutzt wer­den wollte.

Die Situa­ti­on ist nun eine andere

30 Jah­re spä­ter ist die Situa­ti­on eine kom­plett ande­re: Bau­en im Innen­be­reich hat in den letz­ten Jahr­zehn­ten weit­ge­hend alle Bau­lü­cken geschlos­sen. Das Poten­zi­al Innen­ver­dich­tung ist also bis auf eini­ge pri­va­te Gar­ten­flä­chen  aus­ge­schöpft. Wenn wir nicht wol­len, dass wei­te­re Fami­li­en aus Gun­del­fin­gen weg­zie­hen, weil sie in unse­rer Gemein­de für sich kei­nen pas­sen­den Wohn­raum mehr fin­den kön­nen, dann kom­men wir an einem neu­en Bau­ge­biet nicht vorbei.

Ein neu­es Bau­ge­biet, das mit einer kom­plett ande­ren Her­an­ge­hens­wei­se an die Erschlie­ßung, mit einem kom­plett neu­en Den­ken von Woh­nen und sozia­lem Mit­ein­an­der, mit neu­en Ideen der Mobi­li­tät, mit einer beglei­ten­den Bür­ger­be­tei­li­gung ein­her­geht, anders als dies vor 30 Jah­ren der Fall war.

Bei der Pla­nung von Bau­ge­bie­ten in frü­he­ren Jah­ren in unse­ren Brei­ten wur­de etwa der Ver­brauch der Res­sour­ce Boden, das Ver­sie­geln von Flä­che eher als nach­ran­gi­ges Pro­blem ver­stan­den. Von res­sour­cen­scho­nen­den, nach­hal­ti­gen Bau­ma­te­ria­li­en war damals eben­so kei­ne Rede. Heu­te muss auch und gera­de die Bau­bran­che ihre Ver­ant­wor­tung bezüg­lich des Kli­ma­schut­zes wahrnehmen.

Das ist heu­te, ins­be­son­de­re im Schat­ten des Kli­ma­wan­dels und der damit not­wen­dig gewor­de­nen Anpas­sun­gen unse­rer Lebens­wei­se an die­se Her­aus­for­de­run­gen kom­plett anders: Ener­gie­ef­fi­zi­enz und  öko­lo­gi­sche Stan­dards wer­den nicht mehr als Kos­ten­fres­ser abge­tan, son­dern sind ele­men­ta­re Bestand­tei­le zeit­ge­mä­ßen Bau­ens. Kei­ne igno­ran­te Natur­zer­stö­rung ver­gan­ge­ner Erschlie­ßungs­vor­ha­ben, etwa weil Flä­chen nicht mehr mit ein­zel­ste­hen­den Häu­sern ver­schwen­det wer­den. Statt­des­sen intel­li­gen­te und fle­xi­ble Mehr­ge­schos­sig­keit mit pas­sen­den Ange­bo­ten für alle Genera­tio­nen. Sie schafft hohe Lebens­qua­li­tät und för­dert das sozia­le Leben. Die Ver­mei­dung von Ver­sieg­lung, wo nur mög­lich, diver­se Flä­chen­be­grü­nung an Fas­sa­den, auf Dächern und Anpflanz­ge­bo­te holen die Natur zum Woh­le der Men­schen in das neue Wohngebiet.

Die Innen­ver­dich­tung ist nicht tot

Aber auch die Innen­ver­dich­tung ist nicht tot. Sie ist auch wei­ter­hin für uns nicht erle­digt: Wir befür­wor­ten und unter­stüt­zen die Wohn­raum-Alli­anz und die Initia­ti­ve der Minis­te­rin Frau Dr. Hof­meis­ter Kraut, die ein Pro­gramm in Form eines Prä­mi­en­mo­dells zur Akti­vie­rung leer­ste­hen­den Wohn­raums vor­an­treibt. Wir den­ken und han­deln im Sin­ne der vom Gemein­de­tag Baden-Würt­tem­berg in die Dis­kus­si­on ein­ge­brach­ten Idee der „Kom­pak­ten Gemein­de“. Sind die Mög­lich­kei­ten der Innen­ver­dich­tung aus­ge­schöpft, soll ein Flä­chen­ma­na­ger mit­hil­fe eines Leerstands‑, Brachflächen‑, und Bau­lü­cken­ma­nage­ments sys­te­ma­tisch die ver­blie­be­nen ört­li­chen Poten­zia­le ana­ly­sie­ren und nutz­bar machen. Wir schla­gen auch vor, für Gun­del­fin­gen ein Neu­bau­sta­tut zu erar­bei­ten, um auch auf Pri­vat­flä­chen Ener­gie­ef­fi­zi­enz, Bepflan­zung und ein Mini­mum an Ver­sie­ge­lung zu erreichen.

Fazit

Man sieht, ein genau­er Blick auf das The­ma lohnt sich also, um zu erken­nen, dass mit der Bril­le der 1990er Jah­re, die Her­aus­for­de­run­gen der Gegen­wart nicht wirk­lich gemeis­tert wer­den können.

Innen­ver­dich­tung und pro­gres­siv geplan­te Neu­bau­ge­bie­te, sowie Mobi­li­tät und sozia­les Mit­ein­an­der müs­sen zusam­men gedacht wer­den, um Wege aus dem Woh­nungs­man­gel-Dilem­ma zu fin­den, ohne die Natur über die Maßen zu belasten.

Bündnis90/Die Grü­nen Orts­grup­pe Gun­del­fin­gen
für die Frak­ti­on
Evi Ton­dré

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